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Im Juli 2019 war dann mein erster Arbeitstag bei ISS. Da ich in dem Objekt bereits gearbeitet hatte, erkannte mich der Portier sofort wieder. Ich erklärte kurz, dass es nur eine kurzfristige Lösung war, wieder hier zu sein, doch er wünschte mir viel Spaß. Auch unsere Garderobe hatte ich schnell wiedergefunden und bekannte Gesichter begrüßten mich sehr herzlich. Ich freute mich, meine alten Kolleg:innen wiederzusehen. Meine Vorarbeiterin umarmte mich sogar und machte mir eine Tasse Kaffee.
Und so vergingen Tage, Wochen, Monate. Die Reinigung von Büroräumlichkeiten, Teeküchen, Sanitärräumen und vielem mehr wurde zu meinem Alltag. Ich wusste schnell wieder, dass das rote Mittel für die WCs verwendet wird, das blaue für Oberflächen und Böden und der Glasreiniger natürlich für Glas und Spiegel. Noch dazu lernte ich besser Serbisch, meine Muttersprache, die ich nie so gut beherrscht hatte.
Einige Kolleg:innen gaben mir den Rat, mir eine andere, eine »bessere« Arbeit zu suchen, da ich ja erst 19 Jahre alt war und perfekt Deutsch konnte. »Du willst ja nicht ewig eine Moppstange halten, oder?!«, sagte eine Kollegin zu mir, während wir gemeinsam WCs reinigten. So verging das erste halbe Jahr und noch immer bekam ich eine Jobabsage nach der anderen. Sollte ich also für immer putzen?, fragte ich mich, während ich den Fliesenboden in der Küche aufwischte. Ich schämte mich nicht, hier zu arbeiten und unangenehme Dinge zu tun wie verschmutzte WC-Schüsseln zu reinigen. Dass ich von meinem damaligen Freundeskreis stark kritisiert und sogar ausgelacht wurde, hielt mich nicht davon ab, meine Arbeit gewissenhaft zu erledigen.
Im Jänner 2020 erhielt meine Mutter dann die Verantwortung für über 20 neue Objekte. In einem brauchte sie dringend eine Vorarbeiterin mit guten Deutschkenntnissen und sie versuchte mich davon zu überzeugen, dass ich für diese Position perfekt wäre. Natürlich war ich dagegen. Wie sollte ich mit meinen gerade einmal 20 Jahren und Basiserfahrung in der Reinigung ein Team von Reinigungskräften leiten, die fast alle deutlich älter waren als ich? Zudem sah ich mich überhaupt nicht als Führungsperson. Meine Mutter lachte bei meinen Argumenten und ermutigte mich, es wenigstens zu versuchen. »Ich weiß, du kannst das schaffen! Jeder von uns musste einmal irgendwo anfangen und ich unterstütze dich, so wie jede andere Vorarbeiterin auch«, versicherte sie mir.
»Guten Morgen, liebe Mitarbeiter:innen. Wie geht es euch heute?«, begrüßte meine selbstbewusste Mutter das Team im neuen Objekt, einer Kaserne. Es wurde Kaffee gekocht, die anderen lächelten mich neugierig an. »Ich will euch heute eure neue Vorarbeiterin vorstellen«, sagte meine Mutter und schaute erwartungsvoll zu mir.
Nachdem alle an ihre Arbeitsplätze gegangen waren, verbrachte meine Mutter, die nun meine Chefin war, den ganzen Tag mit mir. Sie zeigte mir die Kaserne mit all ihren Besonderheiten, wie zum Beispiel der Schießkammer, und stellte mich dann den Kund:innen vor. Einer von ihnen hatte einen strengen Blick und wies uns gleich darauf hin, dass er Verbesserungsmöglichkeiten sah. Das Gebäude war atemberaubend, voller Geschichte, es gab zahlreiche Abteilungen auf vielen Stockwerken und lange Gänge. Ich war beeindruckt, doch gleichzeitig auch besorgt. Obwohl ich schon gefühlt hundertmal die ganze Kaserne durchschritten hatte, konnte ich mir nur einen kleinen Bruchteil der Wege merken. Am zweiten Tag war meine Chefin nur noch die ersten zwei Stunden da und musste dann weiter. Als ich alleine war, spürte ich, wie verloren ich mich fühlte. Und nach einer Woche wollte ich kündigen. Wie bei jeder neuen Rolle braucht es sehr viel Kraft und Ausdauer, um sich mit den Aufgaben vertraut zu machen und sich im neuen Team zurechtzufinden. Ich glaubte nicht daran, das schaffen zu können. Doch jemand anderes tat es, meine Chefin. Sie ermutigte mich immer wieder, nicht aufzugeben, und sagte, ich solle zumindest einen Monat lang durchhalten. Wenn sich meine Meinung bis dahin nicht ändern würde, dann könne ich immer noch kündigen.
So verging ein sehr langer Monat, doch mit jedem Tag lernte ich etwas Neues. Ich arbeitete gemeinsam mit den Mitarbeiter:innen, studierte jedes Zimmer mit all seinen versteckten Ecken und lernte viele neue Menschen kennen. Da es eine Kaserne war, gab es sehr viele Polizist:innen im Haus und diese überraschten mich immer wieder. Alle grüßten, waren sehr freundlich und auch gesprächig. In meinem Kopf hatte ich ein Bild von harten, unnahbaren Polizist:innen gehabt, aber das passte überhaupt nicht zu den Menschen, die ich tagtäglich in meiner Arbeit traf. Und der Kunde mit dem strengen Blick wurde mit der Zeit einer meiner Lieblingskunden. Manche brauchten etwas länger, um mich ernst zu nehmen, doch dieser Kunde kommunizierte mit mir vom ersten Tag an auf Augenhöhe, was ich sehr schätzte. Es war mir ein großes Anliegen, dass wir als Team unserem Anspruch an guter Arbeit gerecht wurden. Beim Sortieren der Reinigungsmaterialien lernte ich, dass das rote Reinigungsmittel eigentlich Sani Cid Pur Eco heißt, das blaue Sprint 200 Pur Eco und der Glasreiniger Sprint Glass Pur Eco. Täglich unterstützten mich die Mitarbeiter:innen, viele von ihnen waren schon über zehn Jahre in der Firma tätig und ich lernte viel von ihnen. Das stärkte die Zusammenarbeit mit jeder:m Einzelnen, gegenseitiges Vertrauen wuchs. Die persönlichen Geschichten so mancher Person berührten mich sehr, viele hatten einen harten Weg hinter sich.
Eines Tages besuchte mich meine Chefin wieder, begleitet von einer Frau in ISS-Uniform. Sie hatte lange, dunkelbraune Haare und eine schlanke Figur. Mit einem breiten Lächeln stellte sie sich bei mir vor: »Ich bin Teta Smilja!« Teta heißt »Tante« auf Serbisch. Meine Mutter erklärte mir, dass Teta Smilja die andere Hälfte der Kaserne betreute, sie hatte schon über 20 Jahre in der Reinigungsbranche hinter sich und brachte sehr viel Wissen mit. Sie zeigte mir auch, wie man Aufzüge effizient reinigt und mit welchen Mitteln man die hartnäckigsten Verschmutzungen gut wegbekommt. Gemeinsam reinigten wir den kompletten Aufzug innen und außen, vom Keller bis in den vierten Stock. Ich war erstaunt, wie stark das Ergebnis vom richtigen Reinigungsmittel und der Technik abhing. Davor hatte ich mich stundenlang geplagt, das Ergebnis war für mich aber nicht immer zufriedenstellend. »Danke, Teta Smilja!«, sagte ich, als wir fertig waren, und umarmte sie. Motiviert reinigte ich in den nächsten Tagen die Aufzüge der gesamten Kaserne.
Den ganzen Monat lang besuchte mich meine Chefin immer wieder und brachte mir allerhand bei. Zum Beispiel, dass jedes Reinigungsmittel einen bestimmten pH-Wert hat. Dieser zeigt an, ob es sich eher um eine Säure oder eine Lauge handelt. Ich lernte, welche Mittel bei falscher Anwendung auf Bodenbelägen Schäden anrichten können und dass eine Mischung aus sauren und chlorhaltigen Reinigungsmitteln giftige Chlordämpfe entstehen lässt. Wer hätte gedacht, dass Reinigung auch gefährlich sein kann?
»Der Monat ist vorbei, ich habe dir deine Kündigung mitgebracht«, sagte meine Chefin mit einem Lächeln. In dem Moment sprang ich auf, überrascht starrte ich sie an. »Warum?«, rief ich laut. Ihr Lächeln wurde breiter. »Doch nicht?«, fragte sie grinsend und erklärte mir, dass sie sich nur einen Spaß erlaubt hatte. »Außerdem ist es schon mehr als einen Monat her, seit du hier angefangen hast.« Das brachte mich zum Nachdenken. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sehr ich mich mittlerweile in meine Kaserne verliebt hatte.
Zwei Jahre später meldete mich meine Chefin zur Lehrabschlussprüfung für Denkmal-, Fassaden und Gebäudereinigung an. Bei der Ausbildung vertiefte sich mein Wissen weiter und ich lernte sogar, wie man Grundreinigungen auf verschiedenen Bodenbelägen durchführt. Ich genoss jeden Tag, den ich in der Akademie verbrachte, da mich das ganze Thema mittlerweile brennend interessierte und immer wieder zum Staunen brachte. Ich wollte nicht nur reinigen, ich wollte verstehen. In der Kaserne setzte ich das Gelernte dann praktisch um und erweckte viele alte Bodenbeläge wieder zum Leben. Das Endergebnis stellte mich und den Kunden sehr zufrieden. Weitere zwei Jahre später machte ich dann sogar die Meisterprüfung. Die Ausbildung war sehr anspruchsvoll und detailreich, doch genau das reizte mich.
Im September 2023 wurde ich zur Supervisorin befördert, da die Vorgängerin in Pension gegangen war. Mit dieser neuen Position war ich nicht mehr ausschließlich für die Kaserne zuständig, sondern betreute viele Objekte gleichzeitig und unterstütze in mehreren Bereichen. Ich lernte viele neue Objekte mit ihren Besonderheiten, neue Kund:innen mit verschiedenen Anforderungen und Mitarbeiter:innen mit den unterschiedlichsten Charakteren kennen. Mit der Zeit entwickelte sich ein kleines Grundreinigungsteam, bestehend aus Teta Smilja, Manda, Zlatko und mir.
Mittlerweile bin ich schon seit fast sieben Jahren in der Firma und rückblickend könnte ich noch so vieles von meiner Arbeit erzählen. Vor allem bin ich all den Menschen dankbar, die mich auf diesem Weg begleitet und an mich geglaubt haben. Mein Dank gilt den Polizist:innen aus der Kaserne, die mir durch einfache Gespräche den Tag verschönert haben, meinen Kund:innen, die mir trotz meines jungen Alters eine Chance gegeben haben, den Mitarbeiter:innen, von denen ich vieles gelernt und die ihre privaten Geschichten mit mir geteilt haben. Doch meiner Chefin, meiner Mutter, gilt der größte Dank. Ohne ihre Unterstützung in schwierigen Momenten und ohne ihr Vertrauen in mich wäre ich heute nicht hier. Dennoch ist es uns beiden sehr wichtig, dass wir bei ISS nicht nur als Mutter und Tochter, sondern vielmehr als eigenständige Mitarbeiter:innen wahrgenommen werden, denn jede von uns trägt ihre eigene Verantwortung. Und trotz der alten Spuren möchte ich meinen eigenen Weg gehen.
Mit meinen 26 Jahren bin ich sehr stolz, schon so viel erreicht zu haben und ein Teil von ISS zu sein. Jeder Tag bringt etwas Neues mit sich und auch in der Reinigung lernt man nie aus. Die Jahre haben mir gezeigt, dass gerade junge Menschen in unserer Branche vieles lernen und erreichen können, und ich bin stolz darauf, zahlreiche Erfahrungen gemacht zu haben und die Erinnerungen daran tief in meinem Herzen zu tragen.
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