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Meinen ersten Tag werde ich nicht vergessen – er liegt nun sieben Jahre zurück. Als ich in der Klinik ankam, hatte ich das Gefühl, dass ich es ohne einen Gebäudeplan niemals schaffen würde, von einem Stockwerk zum anderen zu gelangen – geschweige denn vom grünen zum roten Turm. Ich erinnere mich noch an die Vorarbeiterin, die mich in die Umkleide brachte und versuchte, mich zu ermutigen. Mir kam es so vor, als wäre ich in einem Labyrinth, aus dem ich nie wieder herausfinden würde.
Nach diesem Tag zitterten meine Hände und meine Beine, sogar die Turnschuhe drückten mich, obwohl sie eine Nummer zu groß waren. Ich war überzeugt, dass dies mein erster und letzter Tag als ISS-Mitarbeiterin gewesen war. Dann kam eine Vorarbeiterin zu mir, die mir mit ihren Worten mein Vertrauen in mich selbst zurückgab: »Morgen wird es besser sein.«
Danach stellte sich bald eine Normalität ein. Im August konnte ich bereits in den Service auf der Neonatologie, der Säuglingsstation, wechseln. Die Erfahrung, die ich in der Reinigung gesammelt hatte, und die Unterstützung durch meine Kolleg:innen halfen mir sehr und der Übergang verlief ohne Zwischenfälle. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich, mit wie viel Freude ich schon damals in die Arbeit ging – etwas, das bis heute gilt – und wie stolz ich war, Teil des ISS-Teams zu sein. Die Arbeit auf der Neonatologie ist wunderbar. Das Lächeln der Eltern zu erblicken, wenn sie ihre Kinder zum ersten Mal ansehen, ist eines der schönsten Dinge an meinem Beruf. Alles verlief ohne Probleme – bis zu jenem Tag, an dem mich das Schicksal zum Stolpern brachte. Danach richtete es mich aber auch wieder auf und machte mich stärker als zuvor.
An besagtem Tag war es regnerisch. Covid hatte seit einiger Zeit die Regeln unseres Lebens verändert und wir mussten uns alle an die neue Situation anpassen. Ich kam wie gewöhnlich um 7 Uhr morgens ins AKH. Jedes Mal, wenn ich meinen Arbeitsplatz erreiche, überkommt mich ein positives Gefühl – Müdigkeit und Schmerzen verschwinden sofort. Auf unserer Station 15 F ist alles bunt: gelb, grün und orange. Die Augen freuen sich darüber und senden diese Botschaft direkt an das Gehirn. An jenem Tag waren die Krankenschwestern wie üblich bei der Dienstübergabe und ich begann, die Vorräte an Milch, Kleidung, Spritzen, Schnullern, Fläschchen und allem, was über Nacht verbraucht worden war, aufzufüllen. Es herrschte Ruhe, weil alle Babys in den Zimmern ihrer Mütter waren.
Doch schlagartig änderte sich die Stimmung: Eine Patientin kam auf uns zu und rief, dass das Kind einer anderen Mutter in ihrem Zimmer nicht mehr atme. Eine der Krankenschwestern rannte los und holte das Baby – und in diesem Moment begann der Kampf um ein junges Leben. Die Situation war ernster, als man zunächst dachte, in der morgendlichen Stille piepsten die Alarme rund um den kleinen, zarten Körper des Kindes. Es ist schwer zu beschreiben, was danach geschah. Das Baby wurde auf ein Notfallbett gebracht und der Kampf ging dort weiter, unzählige Menschen gaben alles, damit der dünne Faden, der dieses kleine Wesen in unserer Welt hielt, nicht riss. Währenddessen heulten die Alarme, sieben oder acht Ärzt:innen kamen und zusammen mit den Krankenschwestern begannen sie mit den Wiederbelebungsmaßnahmen. Alle rannten, wechselten sich ab, suchten nach Lösungen. Von außen sah es aus wie ein Durcheinander, doch in Wirklichkeit war alles sehr organisiert. Es schien, als würde niemand mehr atmen und alle nur darauf warten, dass das Baby ein Geräusch von sich gab. Gefühlt dauerte das alles vielleicht dreißig Minuten, tatsächlich waren es zwei Stunden. Als die Wiederbelebungsmaßnahmen beendet wurden, trat Stille ein, eine unwirkliche Stille, und dann brachen alle fast gleichzeitig in Tränen aus. Es war, als könne man Traurigkeit, Ohnmacht, Enttäuschung und Wut in der Luft greifen. Minutenlang waren wir wie erstarrt vom Schmerz, frustriert, dass nicht mehr getan werden konnte. Irgendwann verließ das Notfallteam die Station und wir blieben zurück. Langsam begann jeder weiterzuarbeiten. So viele andere Kinder warteten darauf, gefüttert und untersucht zu werden. Wir arbeiteten weiter, doch in unseren Seelen blieb eine grauenhafte Leere und Ohnmacht zurück.
Etwa eine Stunde später ging ich auf die Station der Mütter, um frische Windeln in ein Zimmer zu bringen. Auf dem Flur traf ich eine frisch gebackene Mama, die noch nicht gehen konnte, sie hatte per Kaiserschnitt entbunden und hielt ihr Kind im Arm. Das Baby hatte erbrochen und war im Begriff, an seinem Erbrochenen zu ersticken, die Hautfarbe war bereits grau. In diesem Moment spürte ich das Adrenalin in meinem Körper, das seit dem Vorfall am Morgen noch immer hoch war. Ich nahm das Kind an mich und lief auf die Neonatologie, wo es von einer Ärztin übernommen wurde. Schon wieder Stille. Nein, bitte nicht noch einmal. Doch dann begann das Baby zu weinen. Es war, als würde es in diesem Moment ein zweites Mal geboren werden. Für einen Augenblick vergaßen wir, was zuvor geschehen war, und alle waren erleichtert.
Natürlich konnte nichts aufwiegen oder auslöschen, was geschehen war, doch wir hatten wieder Hoffnung, und alle führten ihre Arbeit fort – für die Kinder, die in Zukunft hierherkommen würden.
Meine Geschichte bei ISS zeigt mir, dass wir immer weitermachen müssen. Würde es ISS nicht geben, wäre auch ich an diesem Tag nicht dort gewesen – und vielleicht wäre dann noch eine weitere Tragödie geschehen. Deshalb kann ich sagen, dass mir meine Firma etwas sehr Wertvolles gegeben hat: die Möglichkeit, ein Leben zu retten. Manchmal bewirken wir als ISS-Team Dinge, die einen großen Unterschied machen – und ich bin unendlich stolz, ein Teil dieses Teams zu sein.
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