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Der Wert harter Arbeit

 

Wenn Gerhard Marischka über seinen Werdegang spricht, beginnt er nicht mit 
den Zahlen oder der bilderbuchhaften Expansion eines kleines Reinigungsunternehmens zum heutigen Marktführer Österreichs. Nein, Marischka beginnt mit der Essenz von alledem, und das ist, in seinen Augen, die Arbeit selbst. Die körperliche Arbeit, die Baustellen, die Herausforderungen, die Menschen, die jeden Tag mit ihren Händen etwas schaffen. Dieser Fokus hat ihn sein gesamtes Berufsleben lang geprägt, vielleicht stärker als alles, was später kam.

 

Sein Weg war nicht vorgezeichnet. In der Schule war er ein »mittelprächtiger« 
Schüler. Nach vier Jahren im Gymnasium wurde klar, dass der klassische Bildungsweg nicht der seine war, obwohl es eigentlich so gewünscht gewesen wäre. Er entschied sich für eine Lehre als Gas-Wasser-Installateur und begann im Betrieb seines Onkels. Gleich die erste Baustelle konfrontierte ihn mit der Realität harter Arbeit: Im 20. Wiener Gemeindebezirk wurden damals rund dreißig neue Gemeindebauten errichtet, alle acht Stockwerke hoch. Der Monteur erklärte ihm die Aufgabe: In jedes Stockwerk musste ein Dreizollrohr mit Abzweigungen hinaufgetragen werden, damit später die Leitungen für die Wohnungen entstehen konnten. »So ein Ding hatte fünfzig Kilo«, erinnert er sich. Es war schwer, aber 
genau diese Erfahrungen haben ihm früh gezeigt, was körperliche Arbeit wirklich 
bedeutet und welchen Respekt man jenen schuldet, die sie jeden Tag leisten.

 

»Was mich geprägt hat bei dem Ganzen, war die Tatsache, was es bedeutet, manuell zu arbeiten.« Wer einmal selbst mit angepackt hat, sieht diese Arbeit anders.

 

Später, als er für Tausende Mitarbeiter verantwortlich war, blieb ihm dieses Gefühl erhalten. Reinigungskräfte, Fensterreiniger:innen oder Servicepersonal waren für ihn nie abstrakte Funktionen, sondern Menschen, deren Arbeit er aus eigener Erfahrung kannte. Seine Tür stand deshalb immer offen.

 

Marischka Gerhard
Aufsichtsratsvorsitzender
ISS Österreich
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Nach dem Bundesheer begann 1964 ein neuer Abschnitt. Marischka stieg in die  Gebäudereinigungsfirma seines Vaters ein. Otto Marischka war in Österreich kein Unbekannter: Als Fußballer feierte er große Erfolge mit Admira Wien und wurde mehrfach österreichischer Meister, später auch mit Wacker Wien. Sogar international machte er auf sich aufmerksam – unter anderem durch einen Einsatz in der deutschen Nationalmannschaft unter Trainerlegende Sepp Herberger. Nach einer Station als Trainer im kolumbianischen Medellín führte ihn sein Weg zurück in die Heimat. Dort schlug er ein neues Kapitel auf, zunächst als Verwalter beim »Rot-Weiß-Rot«, dem Vorgänger des ORF, bevor er schließlich seine eigene Firma gründete.

 

Otto Marischka hatte eine Handvoll Mitarbeiter:innen, vieles lief damals informell, vieles musste improvisiert werden. Zu diesem Zeitpunkt stieg der Sohn nun ein. Sein erster Arbeitstag ist ihm bis heute lebhaft in Erinnerung. Er fuhr in den 11. Bezirk, »in die Hasenleiten«, wo er mit seinem Team in einem Kindergarten die Fenster reinigen sollte. Als er ankam, fand er seine Mitarbeiter:innen allerdings nicht  bei der Arbeit, sondern beim Wirt gegenüber. Statt sich zu ärgern, setzte er sich dazu und machte einen Vorschlag: »Burschen, ich kann jetzt mit euch kein Bier trinken. Aber machen wir’s so: Wir gehen gemeinsam die Fenster putzen und wenn wir fertig sind, trinken wir hier zusammen eines.« Der Plan ging auf. Vieles wurde damals nicht mit Formularen geregelt, sondern mit Pragmatismus, Handschlag und einer Prise Humor. 

 

In jener Zeit arbeitete Marischka selbst regelmäßig operativ mit. Fensterreinigung gehörte ebenso dazu wie zahlreiche andere Tätigkeiten. Einer der wichtigsten Aufträge war damals der Flughafen Wien, gearbeitet wurde nachts, lange bevor der Flugverkehr begann. »Um drei in der Früh haben wir mit der Reinigung begonnen.« Dabei passierte ein Unfall, der um Haaresbreite tragisch ausgegangen wäre. 
Statt die Fenster aufzuschrauben und nach innen zu drehen, stellte sich Marischkaaußen auf das Gesims. »Ich war achtzehn Jahre alt, ein fitter Fußballer und dachte, ich gehe da einfach hinaus.« Kurz darauf wachte er im Krankenhaus auf, er war aus dem dritten Stock gefallen. Zum Glück hatte ein Flachdach seinen Sturz gebremst. Nach ein paar Tagen im Spital und der Diagnose einer schweren Gehirnerschütterung sollte er sich eigentlich einen Monat lang schonen. Doch er hielt es nicht lange aus. »Am Samstag war ich schon wieder am Fußballplatz.«

 

Ein persönlicher Wendepunkt kam, als der Vater schwer krank wurde. Zu dieser Zeit trat ein Vertreter des dänischen ISS-Konzerns an die Familie heran und schlug eine Partnerschaft vor, um das Österreichgeschäft aufzubauen. Sein Vater überließ die Entscheidung schon damals seinem Sohn. »Du bist mein einziger Sohn und wirst das hier übernehmen, also triff du die Entscheidung.« Marischka reiste daraufhin nach Dänemark, um den Konzern kennenzulernen. In Kopenhagen angekommen traf er auf eine Unternehmenskultur, die sich deutlich von der österreichischen unterschied. Das zeigte sich schon beim Auftreten. Er selbst trug, wie damals üblich, seinen besten Anzug, seinen Hochzeitsanzug mit Krawatte. Der Präsident des Konzerns, Paul Andreassen, begrüßte ihn dagegen mit offenem Hemdknopf und ganz informell: »Hallo, Gerhard. Ich bin der Paul.« Für jemanden, der aus einem sehr hierarchisch geprägten Umfeld kam, war das überraschend.

 

In Dänemark erlebte Marischka eine Kultur der Offenheit, des direkten Gesprächs und vor allem Handschlagqualität, die ihn bis heute nie enttäuscht hat. Andreassen sagte zu ihm: »Du bist jung, du bist dynamisch. Ich vertraue dir. Du wirst das Geschäft in Österreich entwickeln.« Dieser Satz setzte etwas in Bewegung, Marischka kam zurück nach Wien und begann mit enormer Energie zu arbeiten. Es war ihm wichtig, diesem Vertrauen gerecht zu werden und das Unternehmen Schritt für Schritt aufzubauen.

 

In jenen Jahren spielte auch der Fußball wieder eine besondere Rolle. Marischka war Präsident des 1. Simmeringer SC – bis heute ist er Teil des Präsidiums – und die Fußballplätze Österreichs waren nicht selten auch ein Ort, an dem sich berufliche Wege kreuzten. So lernte er den heutigen CEO Erich Steinreiber kennen und bot ihm rundheraus eine Stelle an: »Komm am Montag«, sagte Marischka. Und er kam. Zahlreiche Führungskräfte kamen später auf ähnliche Weise ins Unternehmen. Für Marischka ist ein Talent für den Mannschaftssport ein guter Hinweis auf wichtige Charaktereigenschaften: Disziplin, Pünktlichkeit und die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Menschen umzugehen. Eigenschaften, die im Berufsleben oft wichtiger sind als perfekte Lebensläufe.

»Was mich geprägt hat bei dem Ganzen, war die Tatsache, was es bedeutet, manuell zu arbeiten.«

Zu den großen Meilensteinen dieser Zeit gehörte der Auftrag für die UNO-City in Wien, ein Kunde, der dem Unternehmen bis zum heutigen Tag erhalten geblieben ist. Das Projekt umfasste damals rund 250.000 Quadratmeter und wurde international ausgeschrieben. Die Vertragsbedingungen – unter anderem eine Kündigungsfrist von nur drei Monaten und ein Gerichtsstand in New York – schreckten viele Mitbewerber ab. Die größere Herausforderung lag jedoch beim Personal. Arbeitslosigkeit gab es damals kaum, geeignete Mitarbeiter:innen zu finden war schwierig. Marischka entschied sich deshalb für einen ungewöhnlichen Weg. In der Großfeldsiedlung und am Rennbahnweg wurden gerade große, neue Siedlungen errichtet, viele Wiener:innen zogen dort ein. Also besuchte er mit seinem damals noch kleinen Team potenzielle Mitarbeiter:innen zu Hause, sprach mit ihnen über die Arbeit und lud sie zu Treffen ein. Am Ende gelang es ihm, das gesamte neue Team von immerhin 200 Mitarbeiter:innen pünktlich zum Start aufzustellen. Der Vertrag besteht bis heute und die UNO-City ist nach wie vor ein wichtiger Kunde von ISS Österreich. 

 

1986 erhielt ISS dann einen weiteren ungewöhnlichen Auftrag, wieder spielte Fußball dabei eine Rolle. In Wien sollte das nächste Champions-League-Finale ausgetragen werden, doch brauchte es dafür ein neues Sicherheitskonzept. Diese Anforderung hatte einen dramatischen Hintergrund: Ein Jahr zuvor hatte sich im Heysel-Stadion in Belgien eine Katastrophe ereignet, bei der durch eine Massenpanik 35 Menschen ums Leben gekommen waren. Von Wien verlangte die UEFA daher ein umfassendes Sicherheitskonzept. Der Generalsekretär des ÖFB rief Marischka persönlich an und fragte, ob er sich damit auskenne. »Selbstverständlich, hab ich ihm geantwortet, dabei hatte ich ehrlich gesagt keine Ahnung.« Gemeinsam mit seinen Kolleg:innen entwickelte er dann innerhalb kurzer Zeit ein detailliertes Konzept und der Auftrag ging an ISS. Finanziell war das Projekt nicht außergewöhnlich, doch die öffentliche Aufmerksamkeit war enorm. Interviews und Zeitungsberichte folgten und der Name ISS Marischka wurde in Österreich deutlich bekannter. »Plötzlich saß ich in der ZIB 2 und sprach dort über unsere Arbeit«, erinnert sich Marischka.

 

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begann eine neue Phase. Ab den 90er Jahren expandierte das Unternehmen in mehrere osteuropäische Länder, darunter Ungarn, Slowenien, die Slowakei, Tschechien, Polen und Kroatien. Viele der damit verbundenen Projekte entwickelten sich erfolgreich, doch es gab auch schwierige Erfahrungen. In Ungarn stellte sich heraus, dass eine Geschäftsführerin Lieferantenrechnungen verschwinden ließ und ihr eigenes Gehalt über eine separate Firma abrechnete. In Polen forderte ein Geschäftsführer aus Ärger über seine Kündigung kurzerhand die gesamte Belegschaft auf, die Arbeit niederzulegen und sich ihm anzuschließen, was zu einem mehrtägigen Stillstand führte. Solche Situationen machten deutlich, wie wichtig der menschliche Faktor beim Aufbau eines Konzerns war. »Diese Länder konntest du damals nur mit intensivem persönlichem Kontakt führen«, sagt Marischka mit einem Lächeln und erinnert sich auch an viele schöne Momente dort.

 

Neben den großen Meilensteinen seines Lebens, das so eng mit ISS Österreich verwoben ist, sind es oft die kleinen Momente, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind. Gespräche mit Mitarbeiter:innen, die ein Problem hatten. Situationen, in denen jemand Unterstützung brauchte. Wenn etwa eine Reinigungskraft zu ihm kam und sagte, sie fühle sich ungerecht behandelt, und er sich Zeit für sie nehmen konnte. »Meine Tür stand immer offen, und das ist nicht nur eine Floskel.« Auch wenn das Unternehmen wuchs, blieb es für ihn selbstverständlich, gelegentlich selbst mit anzupacken, besonders in den Anfangsphasen großer Projekte, wenn es darauf ankam, gemeinsam Lösungen zu finden. Wenn Gerhard Marischka heute auf diese Zeit zurückblickt, denkt er zuerst an die Menschen, die seinen Weg begleitet haben. An Kolleg:innen, an Mitarbeiter:innen, an alle Begegnungen, die ihn nachhaltig geprägt haben. Der Respekt vor ihrer Arbeit, vor harter, manueller Arbeit, ist geblieben. Mit einem Blick in die Zukunft sieht er aber auch, dass die Branche weiterhin vor großen Herausforderungen  steht, vor allem, wenn es um Anerkennung und Bezahlung jener Menschen geht, die täglich diese Arbeit leisten. Als Aufsichtsratsvorsitzender ist er bis heute Teil des Unternehmens und gestaltet so sein Lebenswerk weiterhin aktiv mit. 

 

Für Marischka bleibt klar: Wer einmal selbst in diesen Berufen gearbeitet hat, versteht ihren Wert auf eine Weise, die sich aus Berichten und Statistiken allein nicht erschließen lässt. »Man muss diese Arbeit einfach selbst gemacht haben, dann weiß man, wie viel sie wert ist.« 

Über den Autor

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Marischka Gerhard

Aufsichtsratvorsitzender

Gerhard Marischka ist seit 1964 mit ISS Österreich verbunden. Als Aufsichtsratsvorsitzender begleitet er die strategische Entwicklung des Unternehmens und bringt jahrzehntelange Erfahrung ein. Besonders hervorzuheben sind seine Bodenständigkeit, seine Handschlagqualität und sein prägender Beitrag als Sohn des Gründers Otto Marischka.