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Ich habe ihn festgehalten

 

An jenem Tag, von dem ich euch erzählen möchte, hatte ich schon am Morgen ein schlechtes Gefühl. Ich kam unruhig zur Arbeit, wusste aber nicht, warum. Trotzdem begann ich mit meinen Aufgaben wie immer. Im Laufe des Nachmittags zog es mich dann ins Lager. Ich hatte dort eigentlich nichts zu tun, doch ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, ich sollte hingehen und nachsehen, ob alles in Ordnung war.

 

Als ich im Lager ankam, sah ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Einer unserer Patienten, ein älterer Mann, der hier eigentlich keinen Zutritt hatte, stand direkt am weit geöffneten Fenster. Er war auf ein Regal gestiegen, und als ich sah, dass einer seiner Füße auf dem Fensterbrett stand, wurde mir schlagartig bewusst, in welcher Lebensgefahr er sich befand. 

 

Er wird doch wohl nicht...  Mein Herz begann wild zu hämmern, doch zugleich wusste ich, dass ich jetzt ruhig bleiben musste. Leise räusperte ich mich und sagte dann mit klarer Stimme: »Warten Sie auf mich!« Und als er nichts erwiderte, fragte ich weiter: »Wer passt denn auf Sie auf?« Wieder reagierte er nicht. Sein Blick war nach draußen in die Ferne gerichtet, als wäre er mit seinen Gedanken ganz weit weg. Langsam, mit einem Schritt nach dem anderen, näherte ich mich ihm und hörte dabei nicht auf, mit ihm zu sprechen. Als ich bei ihm angekommen war, streckte ich ihm vorsichtig meine Hand hin und sagte: »Bitte, geben Sie mir Ihre Hand!« Es folgte ein langer, stiller Moment. Dann, endlich, drehte er ganz leicht den Kopf und sah mich an, in seinen Augen nichts als Verzweiflung. So standen wir da, meine Hand in der Luft, sein Fuß auf dem Fensterbrett, und es fühlte sich an, als würde die Zeit stehen bleiben.

 

Doch dann reichte er mir zögerlich seine Hand. Sofort griff ich fest zu und zog ihn zu mir, Hauptsache weg vom Fenster. In diesem Moment jedoch verlor er das Gleichgewicht und das Regal, auf dem er gestanden hatte, kippte nach hinten. Wir stürzten beide zu Boden und das Regal schlug mit einem lauten Knall neben uns auf. Alles ging so schnell, dass ich kaum begriff, was geschah. Ich spürte eine große Angst in mir aufsteigen, aber wusste gleichzeitig, dass die direkte Gefahr vorerst gebannt war.

 

Rumenova Emiliya
Reinigungskraft
ISS Österreich
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So schnell ich konnte, rappelte ich mich auf und zog den Patienten, der noch auf dem Boden saß, weiter vom Fenster weg. Ich schloss und verriegelte es, um dann loszulaufen und Hilfe zu holen. Erst jetzt spürte ich, wie stark meine Hände zitterten. Ich fand einen Pfleger und er kam sofort mit. Gemeinsam kümmerten wir uns dann um den Patienten. Er war völlig aufgelöst und schien unendlich traurig. 

 

Später erfuhr ich, dass der Mann schon lange jede Hoffnung verloren hatte und an jenem Tag seinem Leben ein Ende setzen wollte. Doch dann hatte er meine Hand genommen, und das veränderte alles. Ich hoffte sehr, dass er irgendwann bereit sein würde, mit einem Psychologen über das zu sprechen, was geschehen war. Ich wünschte ihm sehr, dass er eines Tages Hilfe annehmen könnte.

 

Nach dem Vorfall war meine Schicht zu Ende. Als ich zu Hause ankam, zog ich mich um und legte mich hin. Ich versuchte zu schlafen, doch in jener Nacht fand ich kaum Ruhe. Ich hörte immer wieder den Knall des fallenden Regals und sah den Mann am Fenster stehen. Und das sollte noch für viele Nächte so bleiben. Doch heute bin ich dankbar, dass ich auf mein Gefühl gehört habe und ihm rechtzeitig meine Hand reichen konnte. 

"Später erfuhr ich, dass der Mann schon lange jede Hoffnung verloren hatte und an jenem Tag seinem Leben ein Ende setzen wollte. Doch dann hatte er meine Hand genommen, und das veränderte alles."

Über die Autorin

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Rumenova Emiliya

Reinigungskraft

Emiliya Romenova ist seit 2023 bei ISS Österreich tätig. Als Reinigungskraft unterstützt sie Sauberkeit, Hygiene und verlässliche Abläufe im Alltag. Besonders bemerkenswert sind ihr Mut, ihre Aufmerksamkeit und ihr wachsames Handeln, mit dem sie eine lebensgefährliche Situation eines Patienten verhinderte.