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Erfolg ohne Titel

 

Alles begann mit einem französischen Seidenkleid mit Spitze. Genau dieses eine musste es sein. Da gab es nur einen kleinen Haken: Mit meinen 15 Jahren hatte ich noch nicht genug Geld dafür. Also suchte ich mir kurzerhand einen Sommerjob, und zwar als Reinigungskraft. Was ich damals noch nicht ahnte: Dieses Kleid war richtungsweisend für meine gesamte berufliche Zukunft. 

 

Nach meinem Sommerjob absolvierte ich eine Lehre im selben Unternehmen, durchlief als Trainee sämtliche HR-Bereiche und sog Wissen auf wie ein Schwamm. Dank einer Führungskraft, die mich forderte und formte, wusste ich es dann mit 17 Jahren schon ganz genau: Ich liebte Menschen! Es faszinierte mich, ihre Potenziale zu entdecken, zu entwickeln und sie zum Strahlen zu bringen, und all das immer mit dem Unternehmen und seinen Zielen in Einklang zu bringen. Mein Weg in die Personalentwicklung war damit klar vorgezeichnet und ich wurde im Alter von 21 Jahren zur jüngsten Führungskraft des Konzerns. 

 

Viele Jahre später startete ich dann bei ISS. Es war der 1. Oktober 2008 und ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen. Meine erste Mitarbeiterin, die selbst ernannte »Eiche rustikal«, erwartete mich mit echter Herzlichkeit. Sie hatte sogar mein Büro vorbereitet, ohne sie wäre ich wohl in einer Rumpelkammer gelandet. Die anderen Begegnungen verliefen dagegen eher frostig. Eine neue Kollegin empfing mich zum Beispiel ganz ohne Begrüßung. Ein anderer Kollege aus dem operativen Bereich rechnete mir gleich mal vor, dass ich ein »Kostenfaktor ohne Mehrwert« sei. Nach nur einer Woche fragte ich mich ernsthaft: Bin ich hier richtig? Kann das was werden? 

 

Die Anfangszeit war schwierig. Kommunikation? Kaum vorhanden. Willkommenskultur? Eher Fehlanzeige. Doch es gab auch andere Situationen. Der damalige Regionalmanager schenkte mir von Beginn an volles Vertrauen: »Brigitte, du kannst das. Schau’s dir an, mach dir ein Bild und dann leg los.« 

Virag-Zvetolec Brigitte
Head of People & Culture Operation
ISS Österreich
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Also entschied ich mich dafür, die Branche nicht vom Büro, sondern von der Basis aus verstehen und kennenzulernen. Ich begleitete Mitarbeiter:innen an ihrem Arbeitsplatz, lernte Abläufe, Menschen und ihre Herausforderungen kennen – und merkte rasch, was fehlte: Wissen, Weiterentwicklung, Sicherheit im Tun. Mein Motto war damit schnell definiert: Der Erfolg der Mitarbeiter:innen ist auch mein Erfolg.

 

Eines Tages sagte dann eine Kollegin zu mir: »Brigitte, du musst nicht immer alles selbst machen, du bringst dich noch um! Gib mir mehr Aufgaben, zeig mir, wie es geht!« Sie war ein echtes Geschenk. Ich förderte sie gezielt, übertrug ihr Verantwortung und gemeinsam setzten wir HR-Themen um, die von der Belegschaft plötzlich nicht mehr als störend, sondern als wertvolle Unterstützung wahrgenommen wurden.

 

Ich führte unzählige Gespräche mit Führungskräften, hörte ihnen aufmerksam zu, motivierte und stärkte sie. Wir förderten gemeinsam die Entwicklung unserer Mitarbeiter:innen und etablierten nachhaltige Strukturen. Nach und nach verbesserte sich die Stimmung und HR wurde auch außerhalb unserer Abteilung spürbar. Natürlich stieß nicht jede Idee sofort auf Begeisterung, es gab auch Tränen, Zweifel und viele Diskussionen. Aufgeben war für mich aber nie eine Option. Selbst der Kollege, der mich anfangs nur als »Kostenfaktor« gesehen hatte, erkannte schließlich, dass HR echten Mehrwert schafft.

 

2010 folgte ein Moment, den ich nie vergessen werde: Ich erhielt von unserem CEO als einzige Person im Unternehmen einen Special Award. Das war der erste große Beweis dafür, dass die HR-Arbeit nicht nur wahrgenommen, sondern auch wertgeschätzt wurde. Mein Chef sagte zu mir: »Jetzt hast du dir durch deine Leistung mein Vertrauen erarbeitet!«

"2010 folgte ein Moment, den ich nie vergessen werde: Ich erhielt von unserem CEO als einzige Person im Unternehmen einen Special Award. Das war der erste große Beweis dafür, dass die HR-Arbeit nicht nur wahrgenommen, sondern auch wertgeschätzt wurde."

Mit der Zeit wuchs meine Verantwortung, es kamen mehr Regionen, mehr Menschen dazu, aber wir erzielten auch mehr Wirkung. 2019 übernahm ich dann die österreichweite Verantwortung für den operativen HR-Bereich. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, eignete ich mir neue Methoden an, interviewte weitere Führungskräfte und lernte viel Neues von meinem wichtigsten Mentor: meinem Mann. 

 

Meine Erfahrung aus mehr als zehn Jahren bei ISS, mein aufgebautes Wissen und das gewachsene Vertrauen ermöglichten es mir, 2020 kurzfristig die interimistische Leitung als Director People & Culture zu übernehmen. Die Zusammenarbeit mit dem Leadership-Team war neu und herausfordernd für mich, zugleich aber auch unglaublich spannend – eine weitere Phase intensiven Lernens. Dabei erfuhr ich auch viel über mich selbst. Nach zweieinhalb Jahren folgte ich dann schließlich meinem Herzen und meiner Leidenschaft für die Organisationsentwicklung und für die operative Arbeit mit Menschen.

 

Das Ergebnis all dieser Jahre kann sich sehen lassen. Ein Team, das mit Leidenschaft und Kompetenz begeistert. 2024 wurden wir dafür mit dem Culture Award ausgezeichnet.

 

Heute bin ich dankbar. Für das Vertrauen der Menschen, die mich begleitet haben, und für den Mut, immer wieder an mein Potenzial zu glauben. Und eines weiß ich jetzt ganz sicher: Erfolg braucht keinen Studienabschluss und schon gar keinen Titel. 

 

Ach ja, und das französische Seidenkleid? Ich habe es schlussendlich getragen, mit unfassbarem Stolz. Heute hängt es sorgfältig verpackt in meinem Schrank. Nicht, weil ich es noch einmal anziehen möchte, sondern weil es mich daran erinnert, dass das Erreichen großer Ziele manchmal mit kleinen Träumen beginnt.

Über die Autorin

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Virag-Zvetolec Brigitte

Head of People & Culture Operation

Brigitte Virag-Zvetolec ist seit 2008 bei ISS Österreich im Einsatz. Als Head of People &  Culture Operation begleitet sie österreichweit Führungskräfte, Teams und organisatorische Entwicklungen. Besonders geschätzt wird sie für ihr starkes Mentoring, ihre Hartnäckigkeit und ihre Menschlichkeit. Für ihr Wirken und ihren Beitrag zur Unternehmenskultur wurde sie 2024 mit dem Culture Award ausgezeichnet