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Vicky und ihr starkes Team – gemeinsam unschlagbar

 

An jenem sonnigen Freitag, dem 16. Juni 1993, spürte ich einen leichten Wind in meinen langen, lockigen Haaren. Der Schulhof war voller Schüler:innen, die auf ihre Diplome warteten. Wie gewöhnlich läutete die Schulglocke um 8 Uhr und alle rannten in ihre Klassenräume. Ich setzte mich auf meinen Platz in der mittleren Bankreihe, die mit Filzstift beschmiert war, und spürte, dass mein Herz schneller schlug. Bald hörte ich dann die Stimme des Lehrers, der meinen Namen rief: »Nikolić Violeta!« Ich stand auf und ging zu ihm. Mit ausgestreckter Hand empfing er mich und sagte: »Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer erfolgreichen Abschlussarbeit.«

 

Ich erhielt mein Diplom in der wirtschafts-, handels- und kaufmännischen Fachrichtung und dachte: Jetzt hab ich es! Jetzt beginnt das echte Leben, voll von Herausforderungen. Und meine Koffer waren schon gepackt. Ich verabschiedete mich von meiner Großmutter und meinem Großvater, die mir mit Tränen in den Augen eine gute Reise wünschten. Meine Brust zog sich vor Schmerz zusammen, denn ich erkannte, dass dies ein Abschied von jenen Personen war, die mich gelehrt hatten, wie man ein guter und ehrlicher Mensch ist.

 

Als ich nach mehreren Stunden Busfahrt in einer fremden Stadt ausstieg, roch ich den Asphalt. Stimmen, die eine kalte und harte Sprache sprachen, drangen an mein Ohr. Alles war fremd und neu. Die Tage vergingen, und es fiel mir schwer, mich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Zwar war ich von Bekannten umgeben, doch die meisten von ihnen arbeiteten in der Reinigung. Ich selbst sah mich nicht in diesem Bereich, ich dachte sogar, ich würde mich dafür schämen.

 

Doch am 23. Februar 1994, mit 19 Jahren, begann auch ich bei ISS zu arbeiten. Bei der Vertragsunterzeichnung beobachtete ich die Chefin und ihre Mitarbeiter:innen. Alle waren schön gekleidet, sie trugen hohe Schuhe, waren geschminkt, hatten ordentliche Frisuren und rochen gut. Von dieser Sekunde an sah ich die Reinigung mit anderen Augen. In mir erwachte der Wunsch, eines Tages ebenso zu werden. Meine Träumerei wurde aber von einem Vorarbeiter unterbrochen, der mir einen blauen Mantel in die Hände drückte. Als ich wahrnahm, dass alle um mich herum eine Sprache sprachen, die ich nicht verstand, war die Unsicherheit zurück.

 

Bräutigam Violeta
Service Managerin
ISS Österreich
ISS-Mitarbeiterportraits-2026-Violeta-Bräutigam

Mein erster Arbeitsplatz war bei der Post, genauer gesagt in den Männerumkleiden, die intensiv nach Schweiß rochen. Ich sagte mir: Vicky, halt durch! Schweißtropfen liefen mir über die Stirn, während ich hastig mit dem Mopp den Boden wischte. Da hörte ich auf dem Flur plötzlich eine vertraute Sprache: »Vicky, komm.« Und ich folgte dem Duft von Kaffee. In der Pause merkte ich, dass viele von unseren Leuten da waren, ich fühlte mich sofort leichter und in der neuen Gemeinschaft angenommen. Jede und jeder stellte Essen auf den Tisch. Es war schön, Teil eines Teams zu sein, das nicht nur das Essen, sondern auch Arbeitserfahrungen und private Erlebnisse miteinander teilte.

 

So verging die Zeit. Ich lernte viele Objekte kennen und arbeitete meist als Vertretung für Kolleg:innen, einen festen Platz hatte ich nicht. Jedes neue Objekt war eine neue Herausforderung. Eines Tages brachte man mich in eine Bank außerhalb von Wien zum Reinigen. Ich war inzwischen erfahren in der Arbeit und hatte auch schon etwas Deutsch gelernt. Trotzdem sagte eine Frau am Schalter zu meinem Chef: »Wir wollen die Neue nicht, wo ist Jasmina?« Ich war enttäuscht, spürte aber gleichzeitig den starken Wunsch, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Ich bekam die Chance und nutzte sie. Am Ende waren beide Seiten sehr zufrieden.

 

Am 17. Oktober 1999 wurde ich Mutter, Martina wurde geboren. Ich ahnte nicht, dass sie eines Tages meinen Weg einschlagen, Teil meines Teams und schließlich meine Stellvertreterin sein würde. Am 1. März 2001 wurde ich zum zweiten Mal Mutter und Anastasia kam zur Welt. Mit 16 Jahren begann auch sie ihre Karriere bei ISS, merkte aber bald, dass es nicht ihr Weg war.

 

Nach meiner Karenz kehrte ich zur Arbeit zurück. Man teilte mich einer Chefin zu, die gerade auf der Suche nach einer Vorarbeiterin für ein großes Objekt war. Wir gingen in die Garderobe, sie schloss die Tür hinter sich und sagte: »Ab heute bist du freigestellte Vorarbeiterin.« Ich hatte keine Wahl, die Entscheidung war bereits getroffen. Ich wusste damals nicht einmal genau, was diese Rolle bedeutete, geschweige denn, welche Aufgaben ich bekommen würde. Aber ich lernte schnell. Mein Team bestand aus Mitarbeiter:innen unterschiedlicher Herkunftsländer und die meisten von uns sprachen nur wenig Deutsch. Ich freute mich über jeden Arbeitstag. Dieses Objekt war mein drittes Baby und gleichzeitig auch ein wichtiges Sprungbrett für meine Karriere. Die Arbeitsatmosphäre war harmonisch. Gemeinsam mit meinen Mitarbeiter:innen erfüllte ich all die Aufgaben gewissenhaft, die unser Kunde erwartete. Ich ging immer mit offenen Augen durch das Objekt und erkannte dabei zusätzliche Arbeiten, die eigentlich gar nicht Teil unseres Vertrags waren. So bekam der Kunde einen gereinigten Keller und meine Mitarbeiter:innen ein zusätzliches Einkommen. Und das Beste war: Es wurde immer viel gelacht und gescherzt, während wir daran arbeiteten, dass alles glänzte.

 

Mein Selbstvertrauen wuchs. Gute Organisation war für mich nicht nur in der Arbeit ein Fokus, sondern auch im Privatleben. Meine bisherigen Erfahrungen hatten mich gelehrt, dass ich durchhalten musste. Als alleinerziehende Mutter nutzte ich diese Lektion und setzte mir jeden Tag neue Ziele. Das wichtigste Ziel war, ein gutes Vorbild für meine Kinder zu sein. Ich wusste: Solange ich in einem Arbeitsverhältnis bin, stehen mir viele Türen offen – und das hat sich auch bestätigt. Durch ISS gewann ich Kolleg:innen, Freundschaften und Bekanntschaften von unschätzbarem Wert, lernte Politiker:innen und Sportler:innen kennen und traf sogar die Liebe meines Lebens – ich wurde Frau Bräutigam.

 

Im Juni 2007 bekam ich das Angebot, Service Managerin zu werden. Ich fühlte mich nicht bereit für diese Rolle. Aber aus Verbundenheit zu meiner damaligen Chefin nahm ich das Angebot an. Ich bekam ein Firmenauto, neue Objekte und einen Laptop, den ich zunächst nicht einmal bedienen konnte. Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser, ich musste wählen, ob ich schwimmen oder untergehen wollte – und ich entschied mich zu schwimmen. Zunächst bekam ich Unterstützung von meinen Mitarbeiter:innen, doch irgendwann kam der Moment, ab dem ich alleine weitergehen musste.

Die Erwartungen waren groß. Ich fühlte mich wie in einem Sandwich zwischen Mitarbeiter:innen, Kund:innen und Vorgesetzten. In Meetings sprach man über Zahlen und verglich Ergebnisse, ich hatte die erwarteten Resultate nicht erreicht, und dafür schämte ich mich. Doch ich gab alles und arbeitete ohne einen freien Tag – nicht, weil die Firma das verlangte, sondern weil ich es selbst schaffen und das Niveau meiner Kolleg:innen erreichen wollte. Irgendwann merkte ich, dass ich damit meine Gesundheit gefährdete, und beschloss, zu gehen. Doch bei dem für meine Kündigung angesetzten Gespräch stieß ich auf Unverständnis, noch heute klingen mir die Worte im Ohr: »Du willst wirklich gehen? Du hast keine Ausbildung, es wird nicht leicht, einen anderen Job zu finden.« Enttäuscht verließ ich das Büro und weinte. 

 

Dann klingelte mein Telefon, es war eine bekannte Nummer, die ISS-Zentrale. Ängstlich hob ich den Hörer ab. Doch am anderen Ende war eine Stimme, die mir die Hoffnung gab, dass meine Karriere bei ISS noch nicht zu Ende war. Ich bekam ein neues Angebot und nahm es an. Mir wurde bewusst, dass ich ein wichtiges Glied in der Kette war und dass der Name Vicky an Bedeutung gewonnen hatte – und zwar im Sinne von Wertschätzung.

"Ich sagte mir: Vicky, halte durch! Schweißtropfen liefen mir über die Stirn, während ich hastig mit dem Mopp den Boden wischte."

Im März 2010 wechselte ich zu einer anderen Chefin. Sie erkannte mein Potenzial und gab mir Entscheidungsfreiheit. Ich nahm die neue Situation an und verstand, dass Freiheit auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Ich bekam die Möglichkeit, mich zu entfalten, und das gefiel mir. Ich machte einen Deutschkurs, absolvierte Managementkurse, legte die Lehrabschlussprüfung und ein Jahr später die Meisterprüfung ab. 

 

Im selben Jahr besuchte uns Staatssekretär Sebastian Kurz, weil wir ein Vorzeigeunternehmen in Sachen Integration sind, und sagte: »Mein Zugang lautet Integration durch Leistung. Ich will zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund ihren Weg in Österreich machen können – in der Schule, im Verein und vor allem im Job.« Ich ahnte damals nicht, dass ich eines Tages genau diese Objekte betreuen würde, in denen wir miteinander sprachen. 

 

2011 bekam ich anspruchsvolle Kund:innen, bei denen ich mich beweisen musste, dazu ein fantastisches Team, das mich beim Erreichen der Ziele unterstützte. Besonders freute mich der Satz einer Vorarbeiterin: »Ich habe mir immer gewünscht, dass du meine Chefin wirst.« Als ich durch diese Objekte ging, um meine neue Arbeitsumgebung kennenzulernen, wurde mir klar, dass ich über einen roten Teppich ging, denselben Teppich, über den jeden Tag der Bundeskanzler, der Außenminister und der Innenminister gehen. Und mit viel Einsatz nahm alles seinen Lauf. Ich erreichte die Erwartungen von ISS, die Zahlen waren zufriedenstellend und ich war auf dem Niveau meiner Kolleg:innen angekommen. Das gab mir Mut.

 

Drei Jahre später bekam ich dann die Verantwortung über die Regierungsgebäude. Die Mitarbeiter:innen nahmen mich gut auf, das Team war fantastisch und die gegenseitige Unterstützung enorm. Dort erkannte ich, dass es in unserer Firma nicht nur um Reinigung geht, wir konnten unseren Kund:innen auch andere Leistungen anbieten. Mein Horizont erweiterte sich. Mithilfe meiner Vorarbeiterin, die mich unterstützte und viel Verantwortung übernahm, öffneten wir neue Türen und das Unmögliche wurde möglich.

Wieder einige Jahre später bekam ich weitere Objekte dazu. Die Herausforderung bestand nun darin, an einem einzigen Tag 20 Objekte zu betreuen. Eines davon war so groß und komplex, dass ich beim ersten Besuch den Weg zurück zu unserer Garderobe nicht mehr fand. Um mich herum waren uniformierte Personen, Polizist:innen. Menschen, denen man mit Respekt und auch einer gewissen Ehrfurcht begegnet. Entsprechend verhielt ich mich auch und erwartete dasselbe von meinen Mitarbeiter:innen. Doch die Polizist:innen waren sehr zugänglich. Ihre Erwartung war einfach, dass das Gebäude gut gepflegt wird. Sie vertrauten uns und vermittelten uns zugleich ein Gefühl von Sicherheit und Respekt. Außerdem lernte ich uniformierte Menschen kennen, die unser Land schützen. Sie salutierten im Hof und legten ihren Eid auf den Staat ab. Und auch wir gaben ihnen gegenüber ein Versprechen ab – ihre Gesundheit zu schützen, indem wir dafür sorgten, dass ihr Gebäude sauber und gepflegt blieb. Mit guter Organisation und der Unterstützung meines Teams wurde vieles möglich.

 

Die Zahl der Objekte wuchs, das Team wurde größer, und ich merkte, dass ich es nicht mehr allein schaffen konnte und Unterstützung brauchte. Ich schlug Martina, meiner Tochter, die seit einem Jahr bei ISS arbeitete, vor, ein Objekt als Vorarbeiterin zu übernehmen. Sie war damals 21 Jahre alt. Ich sah Angst und Unsicherheit in ihren Augen und sagte zu ihr: »Wir versuchen es einfach.« Sie erinnerte mich an meinen eigenen Start bei ISS. 

 

Nach drei Jahren bemerkte ich, dass sie sich im Management sehr gut zurechtfand. Um das Gelernte zu vertiefen, legte sie ebenfalls Lehrabschlussprüfung und Meisterprüfung ab. Im nächsten Schritt wurde sie meine Stellvertreterin. Mir wurde bewusst, dass die Welt den Jüngeren gehört und dass meine Schwächen ihre Stärken sind. Wir ergänzten einander und gaben damit unseren Mitarbeiter:innen, unseren Kund:innen und auch unseren Vorgesetzten das Gefühl, dass sie sich auf uns verlassen konnten.

 

Ich bin heute 52 Jahre alt und arbeite seit 33 Jahren bei ISS. Ich stehe fest auf meinen Füßen – und das trotz aller Höhen und Tiefen, die ich durchlebt habe. Ich kleide mich schön, trage hohe Absätze, habe immer eine ordentliche Frisur und rieche gut. Und ich habe Deutsch gelernt. Das Ziel, das ich mir an meinem ersten Arbeitstag gesetzt habe, habe ich erreicht, und sogar mehr als das.

 

Auf meinem Weg habe ich gelernt, dass man für gute Arbeit zwar ein gepflegtes Auftreten braucht, vor allem aber Wissen und Kompetenz. Deshalb nehme ich auch heute noch zwischendurch den Mopp in die Hand und mache gemeinsam mit meinen Mitarbeiter:innen eine Grundreinigung, um das Wesen meiner Arbeit nicht zu vergessen. Ich kann ihnen viel beibringen, weiß aber auch, dass ich sehr viel von ihnen lerne. Das Herausfordernde an unserer Arbeit versteht man nur, wenn man weiß, wie sich die eigenen Mitarbeiter:innen fühlen. Außerdem schmeckt der Kaffee am besten, wenn man ihn nach geleisteter Arbeit gemeinsam trinkt.

 

Um wirklich mit sich im Reinen zu sein, braucht man Erfahrung im Beruf. Und die bekommt man vor allem durch harte Arbeit, durch Niederlagen und Erfolge, durch Enttäuschungen, die einen antreiben, das Gegenteil zu beweisen, und durch Fehler, aus denen man lernt. Setze dir neue Ziele, erreiche die Ziele, die du dir gesetzt hast, und bleibe standhaft in deinen Entscheidungen! Solange du arbeitest und dich bemühst, wirst du von Menschen umgeben sein, die deine Anstrengung sehen.

Über die Autorin

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Bräutigam Violeta

Service Managerin

Violeta Bräutigam gehört seit 1994 zu ISS Österreich. Als Service Managerin verantwortet „Vicky“ Kundenbetreuung, operative Abläufe und Teamführung. Besonders hervorzuheben sind ihr Organisationstalent, ihre Führungsstärke und ihr Weg von der Reinigungskraft zur Service Managerin.