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Mit Abstand zusammengewachsen

»Wie und wann wird diese Krise bloß enden?« Es war das Jahr 2018, als ich meinen Job als Einkäufer für Subdienstleistungen bei ISS begann. Neuer Job, neue Branche, neue Kolleg:innen. Doch ich lebte mich gut in das bestehende Team ein und schloss schnell enge Freundschaften, die auch heute noch bestehen. Trotz einiger äußerst herausfordernder Projekte lief alles reibungslos und wir konnten sowohl als Team als auch persönlich einige tolle Erfolge feiern. 2019 kündigte dann meine Kollegin, um sich weiterzuentwickeln. Der Job als Category Manager Cleaning war nun neu zu besetzen und ich wurde gefragt, ob ich Interesse an dieser Position hätte. Nach einer Nacht Bedenkzeit beschloss ich, mir diese Chance nicht entgehen lassen. Mehr als schiefgehen konnte es ja nicht. Also tigerte ich mich in die Materie hinein und versuchte, so viele Informationen und so viel Wissen wie möglich aufzusaugen, um die neue Position schnell bestmöglich zu erfüllen. 2019 verging wie im Flug und es kam der Frühling 2020.

Einzelne unspektakuläre Meldungen aus dem fernen Asien erreichten langsam unsere Fernseher und Radios. Ein bisher unbekanntes Virus war im Begriff, sich schneller auszubreiten, als ein Gegenmittel gefunden und angewendet werden konnte. Die Nachrichten wurden über die Tage hinweg lauter und akuter. War das Virus tödlich? Wer war am stärksten gefährdet, sich anzustecken? Betraf es jeden oder nur ältere, schwache Menschen mit Vorerkrankungen? Wie konnten wir uns schützen? 

Fragen über Fragen, auf die es keine gesicherten Antworten gab, dafür aber unzählige Vermutungen und Verschwörungstheorien. Die Meldungen aus dem Ausland wurden immer häufiger, immer schlimmer, bis die ersten Todesfälle zu beklagen waren. Spätestens jetzt wurde klar, dass hier eine ernsthafte Gefahr in Verzug war und Schritte eingeleitet werden mussten. Aber welche? Wir diskutierten intern, wie wir uns vorbereiten konnten und was als Nächstes zu tun war. Doch noch bevor wir Entscheidungen treffen konnten, traten schon die ersten Maßnahmen der Bundesregierung in Kraft: Menschen sollten Abstand zueinander halten, Berührungen vermeiden und nach Möglichkeit nicht mehr außer Haus gehen. Immer mehr Informationen wurden uns vermittelt. Das Virus war nun bekannt, es mutierte jedoch unkontrolliert weiter und es gab bislang kein Gegenmittel. Abstand halten, nichts angreifen, Kontakte meiden und Ruhe bewahren. Die Hände regelmäßig zu waschen und zu desinfizieren hilft, um das Virus zu bekämpfen. Mit dieser Meldung kamen bei uns auch schon die ersten Kundenanrufe: »Wir benötigen Seife und Desinfektionsmittel. So viel ihr habt. Schnell!« Also bestellten wir Seife und Desinfektionsmittel für unsere Kunden und unsere Mitarbeiter:innen in ihren Objekten. Kurz darauf folgte die nächste böse Überraschung: Die Lieferzeiten hatten sich über Nacht verdoppelt und der Preis war in die Höhe geschossen. Und damit nicht genug. Unsere Reinigungskräfte mussten sich ebenfalls schützen, ohne zu wissen, wer das Virus bereits hatte und wie es übertragen wurde. Also benötigten wir eine persönliche Schutzausrüstung: Einwegmasken, Handschuhe, Gesichtsschilder, Desinfektionsmittel. Und das alles für knapp 7.000 Kolleg:innen österreichweit. Am besten sofort. 

Schartmüller Florian
Head of Cleaning, Products & Performance
ISS Österreich
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Aber welche Anforderungen mussten die vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen erfüllen? FFP2 oder doch lieber FFP3? Was war der Unterschied? Was war der Vorteil? Die Vorschriften und Regeln änderten sich gefühlt täglich. Eine neue Information wurde über die Nachrichten verbreitet und schon suchten wir nach den entsprechenden Lösungen. Welcher Lieferant lagerte was? Wie sah die Versorgungskette dahinter aus? War eine kontinuierliche Versorgung sichergestellt? Viele Fragen, mit denen sich auch unsere Lieferanten bisher noch nicht beschäftigt hatten. Es war Chaos pur. 

 

Dann wurde der erste Lockdown verhängt. Unsere Reinigungskräfte mussten aber dennoch ihren Job machen. Nun zeigte sich auch, wie essenziell die Arbeit einer Reinigungskraft ist. Ohne Reinigung kein Betrieb. Wer sein Büro oder Geschäft weiter betreiben wollte, musste die entsprechenden Hygienemaßnahmen der Bundesregierung, der WHO und des Robert Koch Instituts einhalten. Doch bekanntlich verderben viele Köche den Brei, es entstand noch mehr Chaos. Mein Kollege und ich mussten Lösungen finden, wo es noch keine gab. Das Gesetz gab vor, dass der Arbeitgeber seinen Arbeitnehmer:innen die Schutzausrüstung zur Verfügung stellen musste, die sie zur Erledigung ihrer Arbeit benötigten. Also galt für uns: Ohne Masken darf keine:r unserer 7.000 Kolleg:innen den Job verrichten. Wir mussten Masken zur Verfügung stellen, obwohl es keine am Markt gab, weil die weltweiten Lieferketten zusammenbrachen. Doch damit nicht genug: Um unsere Kundenbetriebe halbwegs aufrechtzuerhalten, mussten alle Flächen großzügig und regelmäßig desinfiziert werden. Schließlich wurde auch das Desinfektionsmittel knapp. Wie auf einem Viehmarkt stiegen die Preise in die Höhe, während jeder versuchte, seinen Betrieb am Laufen zu halten und einen völligen Umsatzeinbruch zu verhindern.

 

Unsere Service Manager standen Schlange in unserem umgebauten Kellerbüro. Kistenweise stapelte sich das benötigte Material. Wir kamen uns vor wie Goldhändler, die die heißeste Ware am Markt beschützen und rationieren mussten. Die benötigten Mengen wurden aber immer größer. Als Dienstleister sollten wir nun auch unseren Kunden Schutzmasken verkaufen. Aber wie sollte das gehen, wenn wir doch selbst jede einzelne für unsere Mitarbeiter:innen brauchten?

"Jede Krise ist auch eine Chance. Wenn wir sie nutzen, können wir auch das nächste Mal unseren Job gut machen und gestärkt daraus hervorgehen. Covid hat uns gezeigt: Wo ein Wille – da ein Weg. Auch ohne Vorerfahrung. Und vor allem: Zusammen können wir alles schaffen!"

Wir waren nur noch eine Handvoll Menschen im Büro. Alles war leer und still. Eine Geisterstimmung lag in der Luft. Die meisten waren in Kurzarbeit und zu Hause. Außer wir. Wir besprachen jeden Tag die neuen Informationen und Regeln der Regierung. Welcher Kunde benötigte welche Ware von uns? Wie konnten wir all diese Wünsche und Anforderungen erfüllen? Jeder Tag war eine einzige Herausforderung für uns alle. Wir telefonierten rund um die Uhr, um auf die aktuellen Nachrichten und möglichen Lockdowns schnellstmöglich reagieren zu können. Wir mussten schnelle Entscheidungen treffen, die Kosten waren nicht mehr das Wichtigste, vor allem musste die Versorgung weitestmöglich sichergestellt werden.


Wir bauten unser Kellerbüro, eine ehemalige Werkstatt, weiter um, um in der Auftragsabwicklung noch effizienter zu werden und mehr Lagerfläche für unser Material zu schaffen. Nachdem kein handliches Desinfektionsmittel mehr auf dem Markt verfügbar war, bestellten wir 1.000-Liter-Fässer und füllten sie selbst in kleine Flaschen um. Wir druckten die Etiketten, beklebten die Flaschen und stellten eigene Kits mit den wichtigsten Materialien für unsere Kolleg:innen zusammen. Wir waren ein großartiges Team und die operativ tätigen Kollegen waren wirklich dankbar für unsere Arbeit. Und so verbrachten wir Wochen und Monate, ohne zu wissen, welche neue Herausforderung morgen auf uns warten würde.


Schon lange schauten wir bei unserer Arbeit nicht mehr auf die Uhr. Zeitweise wussten wir beide nicht mehr, welcher Wochentag oder welches Datum eigentlich war. Wir arbeiteten uns in einen Flow. Wichtig war, den Kolleg:innen bestmöglich zu helfen und vermeintlich unmögliche Dinge möglich zu machen. Und das taten wir. Die Grundaufgabe einer Einkaufsabteilung – die richtigen Produkte zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und zu den bestmöglichen Konditionen zur Verfügung zu stellen – erfüllten wir mit Freude, auch wenn wir mit 70 bis 80 Wochenstunden langsam an unsere Grenzen kamen. Es gab aber schlicht keine Zeit für eine Pause, am Sonntag kam schon der nächste Lkw mit Schutzmasken zu uns ins Lager. Wir mussten vor Ort sein, weil es kein anderer konnte oder per Verordnung durfte. 
Irgendwann verringerten sich die offiziellen Fallzahlen, die täglich über die Medien kommuniziert wurden. Die Infektionen wurden weniger, die Schutzmaßnahmen, Regeln und Vorschriften weiter gelockert. Es sah so aus, als hätten wir den Höhepunkt der Pandemie hinter uns. Es war Zeit, anzustoßen. Anzustoßen auf eine absolut herausfordernde Phase. Darauf, dass wir vom Virus verschont geblieben waren und keine Reinigungskraft ihren Job hatte unterbrechen müssen, weil es kein Material gab. Wir hatten das Bestmögliche aus der Situation gemacht. Wir hielten zusammen, unabhängig davon, wer welche Art von Hilfe und Unterstützung benötigte. Wir waren für alle da, mit vollstem Einsatz für das Unternehmen und Menschen, für die wir uns entschieden hatten. 

 

Die letzte Phase der Pandemie war geprägt von Gedanken wie: Wann kommt die nächste Krise? Wie können wir uns darauf vorbereiten und was können wir besser machen? Jede Krise ist auch eine Chance. Wenn wir sie nutzen, können wir auch das nächste Mal unseren Job gut machen und gestärkt daraus hervorgehen. Covid hat uns gezeigt: Wo ein Wille – da ein Weg. Auch ohne Vorerfahrung. Und vor allem: Zusammen können wir alles schaffen!

Über den Autor

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Schartmüller Florian

Head of Cleaning,Products & Performance

Florian Schartmüller ist seit 2018 bei ISS Österreich im Einsatz. Als Head of Cleaning Products & Performance verantwortet er österreichweit Standards, Produkte und Performance im Bereich Reinigung. Seine praktische Herangehensweise, seine Bodenständigkeit und sein Beitrag zur Sicherstellung von Schutzmaterial während der Pandemie zeichnen ihn besonders aus.